Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

BGE 119 V 335



119 V 335

48. Urteil vom 18. Mai 1993 i.S. X gegen Schweizerische
Unfallversicherungsanstalt und Verwaltungsgericht des Kantons Bern Regeste

    Art. 6 UVG. Zusammenfassung der Rechtsprechung zur natürlichen
Kausalität von Unfallfolgen nach Schleudertrauma der Halswirbelsäule.

Sachverhalt

    A.- Der 1945 geborene X erwarb 1973 das Handelsdiplom
einer Handelsschule und war in den Jahren 1977 bis 1982 als
Versicherungsinspektor tätig. Seit 1. November 1983 richtet ihm die
Ausgleichskasse des Kantons Bern eine ganze Invalidenrente aus, basierend
auf einem Invaliditätsgrad von 80% wegen einer schweren Psychoneurose. - In
der Zeit vom 1. Juni 1987 bis 28. November 1987 arbeitete er aushilfsweise
als Taxichauffeur bei der Firma F.-Taxi und war bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen Unfall versichert. Am
6. September 1988 erstattete der Arbeitgeber der Anstalt eine Unfallmeldung
mit den Angaben, X sei am 1. Juli 1987 beim Rückwärtsfahren in eine Stange
(Eisenpfahl) gefahren und habe sich dabei eine Halswirbelverletzung
zugezogen. Die SUVA befragte nebst dem Versicherten den Taxiunternehmer
H. zum Schadenereignis (Rapporte vom 17. Oktober 1988) und holte
bei den im Meldeformular angegebenen Ärzten verschiedene Berichte
ein. Danach konsultierte der Versicherte im April 1987 und Februar 1988
wegen eines chronischen Infekts der oberen Luftwege mit Rachenentzündung
Dr. med. B. (Bericht vom 10. November 1988). Ab 18. Februar 1988 erfolgte
die weitere Behandlung beim Internisten Dr. med. Ho., welcher auf ihm
erstmals unterbreitete Klagen über Nackenbeschwerden (am 12. August 1988)
ein diskretes Zervikalsyndrom bei eingeschränkter Rotation des Kopfes
nach rechts ohne radikuläre Symptomatik diagnostizierte (Zeugnisse
vom 30. September und 11. November 1988). Die darauf angefertigten
Röntgenbilder der Halswirbelsäule (HWS) ergaben keine Hinweise auf ossäre
Läsionen oder eine Instabilität, jedoch degenerative Veränderungen in
Form einer mässigen Unkarthrose bei C5 und einer leichten Spondylose bei
C5 und C6 (Röntgenbefund Bezirksspital M. vom 16. August und 9. Dezember
1988). Ein neurologisches Konsilium des Dr. med. Me. förderte laut Bericht
vom 6. September 1988 keine pathologischen Befunde zutage. Auf Anfrage
antwortete der behandelnde Psychiater Dr. med. He. am 15. November 1988
der SUVA, X habe ihm gegenüber erstmals Mitte Juli 1987 Nackenbeschwerden
erwähnt, wobei er keine diagnostischen Abklärungen angeordnet habe,
zumal die Behandlung in somatischer Hinsicht damals über andere Ärzte
erfolgt sei.

    Aufgrund dieser Berichte und einer eigenen Untersuchung vom
17. Januar 1989 gelangte der SUVA-Kreisarzt Dr. K. zum Schluss, dass die
geltend gemachten Nackenbeschwerden nicht überwiegend wahrscheinlich
in einem Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 1. Juli
1987 stünden. Gestützt darauf verneinte die SUVA verfügungsweise am
31. Januar 1989 einen Anspruch auf Versicherungsleistungen. Die hiegegen
eingereichte, durch Gutachten neuropsychologischer (Prof. Dr. phil. P.,
vom 22. Juni 1989) und neurologischer (Dr. med. Ha., vom 21. Juli
1989) Fachrichtung untermauerte Einsprache lehnte die Anstalt nach
Einholung einer Stellungnahme der Abteilung Unfallmedizin zur Ursache
der Nackenschmerzen (Bericht Dr. med. Bä. vom 24. Oktober 1989) ab, weil
keine Unfallkausalität bestehe (Einspracheentscheid vom 10. November 1989).

    B.- X beschwerte sich beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit
dem Antrag, die SUVA sei zur Erbringung der gesetzlich geschuldeten
Leistungen, insbesondere für Heilbehandlung und Taggeld, ab Unfalldatum
zu verpflichten. Zur Begründung machte er im wesentlichen geltend,
beim Vorfall vom 1. Juli 1987 ein Schleudertrauma der HWS erlitten zu
haben, welches Ursache seiner Beschwerden sei. Das Gericht führte nach
Edition der Akten der Invalidenversicherung eine Zeugeneinvernahme durch
(Befragung des Arbeitgebers H. und der Betriebsangestellten Frau Ka.) und
beauftragte Prof. Dr. med. R., Centre Hospitalier Universitaire Vaudois
(CHUV), mit einer medizinischen Expertise (Gutachten vom 27. November
1990 mit Ergänzungen vom 26. April 1991). Ferner machte der Psychiater
Dr. med. He. auf Anfrage des Gerichts zusätzliche Ausführungen zum
Gesundheitszustand (Berichte vom 16. Juli und 16. August 1990). Mit
Entscheid vom 28. Oktober 1991 wies das Verwaltungsgericht Bern die
Beschwerde ab.

    C.- X lässt Verwaltungsgerichtsbeschwerde führen mit dem Rechtsbegehren
um Zusprechung der gesetzlichen Leistungen; eventuell sei die Sache zur
Vornahme weiterer Abklärungen an die SUVA zurückzuweisen.

    Während die Anstalt auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde
schliesst, enthält sich das Bundesamt für Sozialversicherung einer
Vernehmlassung.

Auszug aus den Erwägungen:

       Das Eidg. Versicherungsgericht zieht in Erwägung:

Erwägung 1

    1.- Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer infolge des
Unfallereignisses vom 1. Juli 1987 an Gesundheitsschädigungen leidet,
für welche die SUVA Versicherungsleistungen schuldet.

    Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG (Art. 6
Abs. 1 UVG) setzt zunächst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und
dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher
Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen
Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein
der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der
gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden
kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen
Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder
unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das
schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder
geistige Integrität des Versicherten beeinträchtigt hat, der Unfall mit
andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene
gesundheitliche Störung entfiele (BGE 117 V 360 E. 4a mit Hinweisen).

    Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen
Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage,
worüber die Verwaltung (im Beschwerdefall der Richter) im Rahmen der ihm
obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die
blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines
Leistungsanspruches nicht (BGE 117 V 360 E. 4a mit Hinweisen).

    Diese Beweisgrundsätze gelten ohne weiteres auch in Fällen mit
Schleuderverletzungen der HWS (BGE 117 V 360 E. 4a). In diesem Urteil
führte das Gericht aus: Ist ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule
diagnostiziert und liegt ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild
mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel,
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit,
Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung
usw. vor, so ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall
und der danach eingetretenen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in der Regel
anzunehmen. Es ist zu betonen, dass es gemäss obiger Begriffsumschreibung
für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhanges genügt, wenn
der Unfall für eine bestimmte gesundheitliche Störung eine Teilursache
darstellt (BGE 117 V 360 E. 4b).

Erwägung 2

    2.- a) Im vorliegenden wie auch in anderen Verfahren wird, vorab von
seiten der SUVA, Kritik an BGE 117 V 359 geübt. Kritik erwuchs dieser
Rechtsprechung auch in mehreren Publikationen (vgl. dazu u.a. KUHN, Zum
Schleudertraumaentscheid des Eidg. Versicherungsgerichts vom 4.2.1991,
in: Schweizerische Ärztezeitung, Bd. 72, 17/1991, S. 701; STEINEGGER,
Das EVG auf Schleuderkurs?, in: SJZ, Heft 23/1991, S. 385, insbesondere
S. 389; JENZER, Das Sagen in der Konfusion um das Schleudertrauma,
in: Schweizerische Ärztezeitung, Bd. 72, 26/1991, S. 1103; WALZ,
Begriffsverwirrung bei HWS-Verletzungen, in: Schweizerische Ärztezeitung,
Bd. 73, 7/1992, S. 232; JENZER, Zum Stellenwert ärztlicher Wahrnehmungen
nach Beschleunigungsverletzung (sog. "Schleudertrauma") der HWS,
in: Schweizerische Ärztezeitung, Bd. 73, 8/1992, S. 273; DEBRUNNER,
Das Privileg des Schleudertraumas, in: Schweizerische Ärztezeitung,
Bd. 72, 44/1991, S. 1862; DEBRUNNER, Das Schleudertrauma/Ein helvetisches
Syndrom!, in: Schweizerischer Versicherungskurier, 2/1992, S. 46; SENN,
EVG und Schleudertrauma: Wer schleudert eigentlich?, in: Plädoyer,
1/1992, S. 36; STEINEGGER, EVG und Schleudertrauma - eine Replik, in:
Schweizerischer Versicherungskurier, 1992, S. 55; GEISER, Schleudertrauma -
ein verwirrendes Schlagwort, in: Schweizerische Medizinische Wochenschrift,
123/1993, Nr. 14, S. 630). Darauf ist im folgenden einzugehen.

    Die SUVA führt aus, bei der Beurteilung von Krankheits- und
Unfallfolgen sei die Verwaltung (im Beschwerdefall der Richter)
auf zuverlässige Angaben medizinischer Experten angewiesen, wobei die
entscheidenden Behörden nicht ohne triftige Gründe von der Einschätzung
eines Facharztes abwichen, dessen Aufgabe gerade darin bestehe, seine
Spezialkenntnisse den rechtsanwendenden Instanzen zur Verfügung zu
stellen, um einen bestimmten medizinischen Sachverhalt zu erfassen. Diese
allgemein anerkannten Grundsätze der Rechtsfindung gälten nicht mehr
im Falle von Schleuderverletzungen. Im bereits erwähnten Urteil und in
weiteren Entscheidungen St. vom 26. März 1991 und S. vom 2. April 1991
definiere nämlich das Eidg. Versicherungsgericht die Beweisanforderungen
für den natürlichen Kausalzusammenhang ganz anders, indem ein solcher ohne
weiteres angenommen werde, wenn ein Schleudertrauma der HWS diagnostiziert
worden sei und ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit
einer Häufung von Beschwerden vorliege. Diese Umschreibung sei in
mehrfacher Hinsicht verfehlt: Zum einen werde im Gegensatz zu allen
übrigen Bereichen der Unfallmechanismus anstatt gesicherte Befunde und
Diagnosen als Grundlage für die Kausalitätsbeurteilung herangezogen. Zum
anderen werde unterschoben, dass Schleudermechanismen - ungeachtet der
tatsächlichen Verletzungsfolgen - zu einem typischen Beschwerdebild
mit einer Häufung von Beschwerden führten. Nach dem aktuellen Stand der
medizinischen Wissenschaft gebe es aber weder ein typisches Beschwerdebild
bei Schleuderverletzungen der HWS noch eine charakteristische Häufung
von unspezifischen Beschwerden (vgl. auch STEINEGGER, Das EVG auf
Schleuderkurs?, in: SJZ, Heft 23/1991, S. 385, insbesondere S. 389). Der
Normalverlauf bei HWS-Schleuderverletzungen sei zwar durch eine initiale
Symptomatik mit schmerzhafter Bewegungshemmung im Nacken-/Kopfbereich und
Begleiterscheinungen wie Schwindel geprägt. Nur ausnahmsweise zeigten
einzelne Patienten nachhaltig fortdauernde Beschwerden. Indem die neue
Rechtsprechung "den Ausnahmefall zur Regel (mache)", erfahre ein einzelner
Unfallmechanismus oder ein einzelner Körperteil eine "privilegierte
Behandlung" derart, dass aus äusserlichen Umständen des Unfalles und den
nachher aufgetretenen Beschwerden der Kausalzusammenhang vermutet werde
(vgl. auch DEBRUNNER, Das Privileg des Schleudertraumas, in: Schweizerische
Ärztezeitung, Bd. 72, 44/1991, S. 1862). Die "Umkehr der Beweislast, wie
sie dem Entscheid vom 4.2.1991 zugrunde liege", führe zur Bejahung des
natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen Unfall und danach eingetretener
Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit, sobald der Versicherte ein Schleudertrauma
der HWS und "möglichst diffuse Beschwerden" darzutun vermöge, ohne dass der
Vorzustand und die Spezialkenntnisse des Facharztes berücksichtigt würden.

    b) aa) Soweit die SUVA meint, die Beurteilung des natürlichen
Kausalzusammenhanges gründe allein auf äusseren Umständen des Unfalles und
subjektiven Angaben des Versicherten über undifferenzierte Beschwerden,
bleibt festzustellen, dass aus der beanstandeten Rechtsprechung
eine solche Schlussfolgerung nicht abgeleitet werden kann. Auch bei
Schleudermechanismen der HWS bilden zuallererst die medizinischen
Fakten, wie die fachärztlichen Erhebungen über Anamnese, objektiven
Befund, Diagnose, Verletzungsfolgen, unfallfremde Faktoren, Vorzustand
usw. die massgeblichen Grundlagen für die Kausalitätsbeurteilung durch
Verwaltung und Gerichtsinstanzen. Das Vorliegen eines Schleudertraumas
wie seine Folgen müssen somit durch zuverlässige ärztliche Angaben
gesichert sein. Trifft dies zu und ist die natürliche Kausalität -
aufgrund fachärztlicher Feststellungen in einem konkreten Fall -
unbestritten, so kann der natürliche Kausalzusammenhang ebenso aus
rechtlicher Sicht als erstellt gelten, ohne dass ausführliche Darlegungen
zur Beweiswürdigung nötig wären. Dies war denn auch im kritisierten
Urteil nach den ihm zugrunde liegenden Akten eindeutig der Fall. Die
Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhanges beruhte dort auf insofern
schlüssigen medizinischen Grundlagen, weshalb sein Vorliegen nicht weiter
zu erörtern war. Es ist verfehlt, daraus den Schluss zu ziehen, die mit
BGE 117 V 359 geänderte Rechtsprechung, wonach eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers in Fällen von Schleudertraumen ohne nachweisbare
organische Befunde, im Gegensatz zur alten Praxis, grundsätzlich
möglich ist (vgl. BGE 117 V 363 E. 5d), lasse bei der Beurteilung
der natürlichen Kausalität von Folgeschäden nach HWS-Verletzungen die
medizinischen Untersuchungsergebnisse ausser acht, wodurch der natürliche
Kausalzusammenhang gleichsam in solchen (oder vergleichbaren) Fällen als
von vornherein gegeben vorausgesetzt werde.

    bb) Davon, dass die Spezialkenntnisse der Fachärzte im Rahmen
der Kausalitätsbeurteilung des Art. 6 UVG nicht gefragt sein sollen,
kann ebensowenig die Rede sein wie von einer Umkehr der Beweislast. Ob
ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen einer Schleuderverletzung
der HWS ohne organisch nachweisbare Beschwerden und den eingetretenen
Gesundheitsschädigungen besteht, ist - nicht anders als sonst in
der Unfallversicherung - eine Tatfrage, worüber die Verwaltung
(und im Beschwerdefall der Richter) im Rahmen der Beweiswürdigung
nach dem im Sozialversicherungsrecht herrschenden Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Auch in diesem
Bereich bedarf es somit für die Leistungsberechtigung gegenüber dem
Unfallversicherer, dass die geklagten Beschwerden medizinisch einer
fassbaren gesundheitlichen Beeinträchtigung zugeschrieben werden können und
dass diese Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem versicherten Unfall
steht. Dafür ist unter Umständen ein interdisziplinäres Zusammenwirken
der verschiedenen medizinischen Fachrichtungen, nötigenfalls unter
Einschluss der Neuropsychologie, erforderlich. Zu beachten sind hier
die Schwierigkeiten, die sich aus dem Umstand ergeben, dass der im
Zusammenhang mit HWS-Verletzungen sich manifestierende Beschwerdekomplex
mitunter noch andere Ursachen haben kann, was aber nicht von vornherein
zur Verneinung der natürlichen Kausalität führen darf, da der Unfall als
eine Teilursache für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhanges
genügt (vgl. E. 1). Anderseits vermag auch die Neuropsychologie, nach
derzeitigem Wissensstand, es nicht, selbständig die Beurteilung der
Genese abschliessend vorzunehmen. Spricht nach der Aktenlage medizinisch
vieles für Unfallkausalität der ausgewiesenen Beschwerden, ohne dass
aber vom unfallärztlichen Standpunkt aus der Zusammenhang direkt mit
Wahrscheinlichkeit zu bejahen wäre, können die neuropsychologischen
Untersuchungsergebnisse im Rahmen der gesamthaften Beweisführung bedeutsam
sein. Das setzt aber voraus, dass der Neuropsychologe - im Einzelfall -
in der Lage ist, überprüf- und nachvollziehbare, mithin überzeugende
Aussagen zur Unfallkausalität zu machen, die sich in die anderen
(interdisziplinären) Abklärungsergebnisse schlüssig einfügen. Blosse
Klagen über diffuse Beschwerden genügen somit keineswegs für den Beweis
der Unfallkausalität. Wie die nachfolgende Fallbeurteilung zeigt, können
geklagte Beschwerden zwar teilweise mit solchen, die nach Schleudertraumen
der HWS häufig angegeben werden, korrespondieren und dennoch nicht als
überwiegend wahrscheinliche Folge eines Unfalles gelten, sondern als
Folge eines krankhaften Vorzustandes. Es kann daher nicht ernstlich die
Rede davon sein, dass das Gericht sich die Formel "post hoc, ergo propter
hoc" zu eigen gemacht hätte, nach deren Bedeutung eine gesundheitliche
Schädigung schon dann als durch den Unfall verursacht gilt, weil sie
nach diesem aufgetreten ist (vgl. dazu auch MAURER, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, Bern 1985, S. 460, N 1205). Damit stösst der
Vorwurf einer "Privilegierung" und "Sonderbehandlung" der Versicherten
mit Schleuderverletzungen der HWS ins Leere.

Erwägung 3

    3.- a) Im psychiatrischen Gutachten des Dr. med. He. vom 10.  April
1984 wurde beim Beschwerdeführer eine Charakterneurose mit querulatorischen
und ängstlich-hypochondrischen Zügen diagnostiziert. Dr. med.
Ro. beschrieb in seinem Gutachten vom 7. Januar 1985 den neurologischen
Befund als normal. Subjektiv bestanden jedoch vielfältige Beschwerden, wie
Schweissausbrüche, schlechtes Gedächtnis, fehlende Konzentrationsfähigkeit,
Schwindelgefühle (schwarz vor den Augen, Sturmgefühle), Müdigkeit, frontal
und okzipital lokalisierte Kopfschmerzen. Objektiv fand sich eine leichte
Druckdolenz der ganzen HWS und eine leicht verspannte und druckempfindliche
Nackenmuskulatur, besonders im oberen Abschnitt. Dr. med. Ro. ordnete
den ganzen Beschwerdekomplex in die schwere psychische Störung ein,
die bereits der Psychiater festgestellt hatte. In der Folge änderte
sich das Beschwerdebild nicht grundlegend. Denn anlässlich der
kreisärztlichen Untersuchung im Januar 1989 klagte der Beschwerdeführer
wiederum über Nackenschmerzen mit Ausstrahlungen in die Kopfregion,
Schwindelerscheinungen und Sehstörungen. Prof. Dr. med. R. spricht in
seiner Expertise von in den ersten Stunden nach dem Unfall aufgetretenen
Nacken- und Rückenschmerzen, wozu sich später noch Schmerzen im rechten
Arm sowie Schwindel- und Konzentrationsstörungen gesellt hätten. Der
neurologische Befund war unauffällig; neue Röntgenaufnahmen und ein
Computertomogramm der HWS ergaben ausser geringfügigen degenerativen
Veränderungen keine Anhaltspunkte für traumatische Verletzungen
(S. 12). Laut Auffassung des Gerichtsgutachters stehen lediglich
die chronischen Zervikalgien, welche nur einen kleinen Teil der
Gesundheitsstörungen insgesamt ausmachen, in einem ursächlichen
Zusammenhang mit dem Unfall vom 1. Juli 1987, nicht aber die übrigen
Beschwerden.

    b) Die Vorinstanz hat in E. 4b ihres Entscheides erwogen, "die
übrigen Beschwerden des Versicherten" entsprächen im wesentlichen
dem prätraumatischen Beschwerdebild und seien gestützt auf die
Gerichtsexpertise nicht unfallkausal. Dies gelte namentlich für die
von Prof. Dr. phil. P. diagnostizierten neuropsychologischen Ausfälle,
wie "eine übermässige bis extreme Unzuverlässigkeit in monotonen
Aufmerksamkeitsaufgaben". Zwar führe der Experte laut Bericht vom 22. Juni
1989 diese Beeinträchtigungen auf eine ausgeprägte Funktionsstörung in
den Hirnstammstrukturen zurück. Dabei sei er von der Annahme ausgegangen,
dass es sich bei den erwähnten Einschränkungen um das typische, nach
Schleudertrauma der HWS objektiv erfassbare Resultatemuster handle und
dass der Beschwerdeführer mit den "gegenwärtigen" Aufmerksamkeitsschwächen
in keiner Weise die vor dem Unfall ausgeübten beruflichen Tätigkeiten
jahrelang hätte verrichten können.

    c) Was in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen die Verneinung
des natürlichen Kausalzusammenhanges vorgebracht wird, vermag zu keiner
anderen Betrachtungsweise zu führen. Wie die Vorinstanz zutreffend bemerkt,
geht der Neuropsychologe hinsichtlich seiner letzten Annahme von falschen
Voraussetzungen aus, war doch der Beschwerdeführer schon seit November
1982 krankheitsbedingt, u.a. auch wegen Störungen des Gedächtnisses, der
Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit, nicht mehr erwerbstätig
und in hohem Masse invalid. Die kognitiven Beeinträchtigungen, welche
bereits im Jahre 1985 Anlass zu einer neurologischen Untersuchung
gaben, sah Dr. med. Ro. angesichts des neurologisch normalen Befundes
im Zusammenhang mit der ausgeprägten psychovegetativen Labilität
des Versicherten. Was die Kausalitätsbeurteilung auf der Grundlage
neuropsychologischer Testuntersuchungen im besonderen betrifft, ist
grundsätzlich zwar kein Grund ersichtlich, die neuropsychologische
Diagnostik nicht mitzuberücksichtigen; hiezu besteht in beweisrechtlicher
Hinsicht jedenfalls so lange kein Anlass, als selbst der Spezialarzt
der Neurologie im Rahmen einer Gesamtwürdigung dem neuropsychologisch
eindeutigen Befund einen Aussagewert beimisst (BGE 117 V 382 E. 3f). So
verhält es sich hier aber gerade nicht, sieht doch Prof. Dr. med. R.
als fachärztlicher Neurologe keinen Kausalzusammenhang zwischen dem
Unfall vom 1. Juli 1987 und den schon 1985 diagnostizierten, weiterhin
unveränderten neuropsychologischen Leistungsschwächen (Ergänzungsbericht
vom 26. April 1991).

    Die neuropsychologische Abklärung hat wohl den Nachweis gewisser
Defizite erbracht. Daraus allein lässt sich aber entgegen der Meinung des
Beschwerdeführers noch nichts über die Unfallkausalität ableiten. Zum einen
scheint Prof. Dr. phil. P. seinen Bericht ohne Kenntnis der vollständigen
Akten erstattet zu haben, womit seine Schlussfolgerung den Anforderungen
an eine Expertise im Sinne der Rechtsprechung (vgl. RKUV 1991 Nr. U 133
S. 312 E. 1b mit Hinweisen) nicht zu genügen vermag. Zum anderen lässt
er die schwer belastete Persönlichkeit sowie die stark invalidisierende
Charakterneurose ausser acht und äussert sich ebensowenig dazu, wie sie
das Testergebnis beeinflusst haben könnten. Der neuropsychologische
Bericht bildet daher vorliegend keine schlüssige Grundlage für die
Kausalitätsbeurteilung. Zu Recht hat die Vorinstanz nicht darauf
abgestellt.

    Fehl geht sodann die Rüge des Beschwerdeführers, die Vorinstanz
habe das rechtliche Gehör verletzt, weil sie seinem Beweisantrag auf
Beizug eines Zusatzberichtes von Prof. Dr. phil. P. nicht stattgegeben
habe. Vor dem Eidg. Versicherungsgericht verlangt er erneut die Einholung
weiterer neuropsychologischer Unterlagen. Der Sachverhalt ist indes
nach der Aktenlage hinreichend abgeklärt und bedarf diesbezüglich keiner
Ergänzung. Von zusätzlichen Berichten neuropsychologischer Richtung sind
mit Bezug auf die Kausalität keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, welche
den Ausgang des Prozesses zu beeinflussen vermöchten, weshalb darauf zu
verzichten ist (vgl. auch BGE 104 V 210 E. a). Darin liegt kein Verstoss
gegen das rechtliche Gehör gemäss Art. 4 BV (BGE 106 Ia 162 E. 2b; RKUV
1985 Nr. K 646 S. 238 E. 2d).

Erwägung 4

    4.- a) Nach dem Gerichtsgutachten (vom 27. November 1990) hat
der Beschwerdeführer beim Unfall vom 1. Juli 1987 ein indirektes
Schleudertrauma erlitten, ohne dass unmittelbar darauf Schmerzen
aufgetreten wären, was eine osteo-ligamentäre Schädigung durch dieses
Ereignis wenig wahrscheinlich mache. In den folgenden Stunden habe er aber
Nacken- und Rückenschmerzen verspürt, die im weiteren Verlauf nur noch
zugenommen hätten. Gestützt darauf und in der Annahme, dass früher keine
solchen Beschwerden bestanden hätten, postulierte Prof. Dr. med. R. einen
natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem versicherten Unfall und den
chronischen - nicht schwer invalidisierenden - Zervikalgien.

    b) Dem ist die Vorinstanz im Rahmen ihrer Beweiswürdigung nicht
gefolgt. In Anlehnung an den Aufsatz "Das Schleudertrauma der HWS - eine
interdisziplinäre Herausforderung" von JENZER/STEINEGGER (publiziert
in: Sonderdruck des Schweizer Versicherungskuriers, 1990, S. 1 ff.) hat
sie die gesamte, die medizinischen Unterlagen der Invalidenversicherung
mitumfassende Aktenlage sorgfältig auf die verschiedenen möglichen Ursachen
der Beschwerden hin untersucht. Der Sachverhalt wurde insbesondere
unter dem Blickwinkel von "Vorzustand, Unfallhergang, Beschwerdebild,
Erstbefunde, Röntgenbefund und Arbeitsunfähigkeit" detailliert überprüft,
was angesichts des schwerwiegenden Vorzustandes unumgänglich war.

    Das kantonale Gericht stellte fest, schon vor dem Unfall habe
erwiesenermassen ein ausgeprägtes psychosomatisches Leidensbild
im Sinne einer schweren psychovegetativen Störung vorbestanden
(vgl. psychiatrisches Gutachten Dr. med. He., neurologisches Gutachten
Dr. med. Ro. und polydisziplinäres Gutachten MEDAS). Die Darstellung des
Beschwerdeführers über seine Leiden weise ab August 1988 "eine deutlich
zunehmende Tendenz" auf, indem er von diesem Zeitpunkt an - retrospektiv -
geltend mache, seit dem Unfall allerheftigste Nackenschmerzen verspürt
zu haben. Objektivierbare Erstzeitangaben über angebliche Schmerzen
fehlten indessen, zumal er den als Zeugen einvernommenen Personen (Herr
H. und Frau Ka.) weder am Unfalltag noch später etwas davon erzählt
habe. Noch im November 1987 habe er im IV-Fragebogen trotz ausführlicher
Schilderung seiner Beschwerden mit keinem Wort Unfallfolgen erwähnt,
sondern eine Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes ab Oktober 1987
mit zusätzlichen familiären und psychischen Problemen begründet. Für
die Annahme, dass die Beschwerden vorerst kaum gravierend gewesen sein
dürften, spreche nebst der Aussage des Psychiaters Dr. med. He., wonach
der Versicherte ihm anlässlich der (schon vor dem Unfall festgelegten)
Konsultation vom 17. Juli 1987 eher beiläufig Nackenschmerzen angegeben
habe, auch der Umstand, dass der am 1. Februar 1988 aufgesuchte Arzt
Dr. B. keine Nackenschmerzen oder andere Unfallfolgen behandelt und
Dr. med. Ho. (Behandlung ab 18. Februar 1988) erstmals im August 1988
Klagen über Nackenbeschwerden zu Gehör bekommen habe. Klinische oder
apparative medizinische Untersuchungen seien erst im August/September
1988 - mehr als ein Jahr nach dem Unfall - erfolgt, wobei die Ärzte
ein diskretes Zervikalsyndrom mit minim eingeschränkter Rotation des
Kopfes nach rechts diagnostizierten. Die ebenfalls erst nach August 1988
angefertigten Röntgenaufnahmen der HWS zeitigten keine Anhaltspunkte für
posttraumatische Folgen, sondern lediglich gewisse altersentsprechende
Veränderungen. Aufgrund der Wochenrapporte habe der als Ferienaushilfe
angestellte Beschwerdeführer ab 28. Juni 1987 bis 2. August 1987 mit fast
regelmässigen Tageseinsätzen zwischen 30 und 47,5 Stunden gearbeitet. Nach
dem am 1. Juli 1987 um ca. 15.00 Uhr geschehenen Unfall sei er noch
bis 20.00 Uhr als Taxichauffeur eingesetzt gewesen, am nächsten Tag von
6.00 bis 12.00 Uhr und am 3. und 4. Juli 1987 sogar während 8,5 bzw. 10
Stunden.

    Aufgrund dieses Beweisergebnisses erwog die Vorinstanz, der
Gerichtsexperte gehe mit seiner Annahme, dass Nacken- und Kopfschmerzen
schon innert Stunden nach dem Unfall aufgetreten seien und sich dann
verstärkt hätten, von einem unzutreffenden Sachverhalt aus. Seiner
Schlussfolgerung, die diskrete (erst im August 1988 objektivierte)
Zervikalgie sei wahrscheinlich die natürliche Folge einer minimalen nicht
nachweisbaren Verletzung des Weichteilmantels durch das Unfallereignis
vom 1. Juli 1987, könne daher nicht beigepflichtet werden. Ebensowenig
überzeuge die Auffassung, der Versicherte habe anfänglich die Beschwerden
minimalisiert und sie deshalb erst am 17. Juli 1987 erwähnt, zumal langes
Autofahren zu wiederholten Erschütterungen führe, was bei dem nachträglich
behaupteten Zustand erhebliche Schmerzen ausgelöst und eine Therapie
erforderlich gemacht hätte. Treffe die vom Gerichtsgutachter präsumierte
Sachverhaltshypothese nicht zu, sei der Unfall zwar eine mögliche, aber
nicht die überwiegend wahrscheinliche Ursache der Nackenschmerzen. Die
erst zwei Wochen nach dem Ereignis erwähnten und mehr als 13 Monate später
objektivierten Zervikalgien könnten ebensogut aufgrund des Vorzustandes
und des psychischen Zustandes zur Zeit des Unfalles und in der Folgezeit
psychosomatisch bedingt sein. Der natürliche Kausalzusammenhang zwischen
Unfall und Nackenbeschwerden müsse somit verneint werden.

    c) Diesen Ausführungen kann beigepflichtet werden. Die Vorinstanz hat
alle Akten, insbesondere die diversen medizinischen Unterlagen, sorgfältig
gewürdigt und überzeugend dargelegt, weshalb die Schlussfolgerungen
des Gerichtsgutachters für die Kausalitätsbeurteilung mit Bezug
auf die Nacken- und Kopfschmerzen nicht stichhaltig sind. Wie sie im
angefochtenen Entscheid richtig aufzeigt, geht der Experte von falschen
- für die Beurteilung wesentlichen - Tatsachen aus. Die Expertise ist
daher in diesem Punkte nicht schlüssig, so dass darauf nicht abgestellt
werden kann. Gestützt auf die übrige medizinische Aktenlage, mit diversen
Arztberichten sowohl der SUVA (Untersuchungsbericht Dr. K. vom 18. Januar
1989; Bericht Dr. Bä. vom 14. Oktober 1989; ärztliche Beurteilung
vom 25. März 1991) als auch anstaltsunabhängiger Ärzte (Bericht
Dr. med. Me. vom 6. September 1988; Atteste Dr. med. Ho. vom 30. September
und 11. November 1988), ist mit dem kantonalen Gericht festzustellen,
dass nach dem im Sozialversicherungsrecht erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 117 V 360 E. 4a und 376 E.
3a, je mit Hinweisen) ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem
Unfallereignis vom 1. Juli 1987 und dem im August 1988 diagnostizierten
Zervikalsyndrom nicht gegeben ist. Somit ist die SUVA weder für die nach
der Diagnose durchgeführte Behandlung noch für die sich daraus allenfalls
ergebende Arbeitsunfähigkeit, Invalidität oder Integritätseinbusse
leistungspflichtig, ohne dass die Frage der Adäquanz weiter zu prüfen
wäre. Sämtliche Einwände in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vermögen
hieran nichts zu ändern.