Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Öffentlich-rechtliche Abteilung 1A.159/2005
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1A.159/2005 /ggs

Urteil vom 20. Februar 2006

I. Öffentlichrechtliche Abteilung

Bundesrichter Féraud, Präsident,
Bundesrichter Aemisegger, Fonjallaz,
Gerichtsschreiber Haag.

X. ________, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwältin Korinna
Fröhlich,

gegen

Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Gossau, Oelestrasse 32, 8625 Gossau,
Beschwerdegegnerin,
Gemeinderat Gossau, 8625 Gossau, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Bruno
Pellegrini,
Baurekurskommission III des Kantons Zürich,
Neue Börse, Selnaustrasse 32, 8001 Zürich,
Verwaltungsgericht des Kantons Zürich, 1. Abteilung, 1. Kammer,
Militärstrasse 36, Postfach, 8090 Zürich.

Immissionen (Kirchenglockengeläut),

Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des
Kantons Zürich, 1. Abteilung, 1. Kammer, vom 27. April 2005.

Sachverhalt:

A.
Der Gemeinderat Gossau lehnte am 16. April 2003 ein Gesuch von X.________ ab,
worin dieser beantragt hatte, die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde
Gossau sei zu verpflichten, das Kirchengeläut und den Stundenschlag der
Kirche einzuschränken. Den hiergegen von X.________ erhobenen Rekurs wies die
Baurekurskommission III des Kantons Zürich am 21. April 2004 ab. Diesen
Entscheid zog X.________ an das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich weiter
und verlangte unter anderem, die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Gossau
sei zu verpflichten, ab sofort die Nachtruhe einzuhalten und auf die Stunden-
und Viertelstundenschläge zwischen 21.45 Uhr und 6.00 Uhr zu verzichten. Das
Verwaltungsgericht hat die Beschwerde mit Entscheid vom 27. April 2005
abgewiesen (Ziff. 1 des Dispositivs). Die Gerichtskosten wurden teilweise
X.________ auferlegt (Ziff. 4 des Dispositivs) und dieser wurde überdies
verpflichtet der Gemeinde Gossau eine Parteientschädigung zu entrichten
(Ziff. 5 des Dispositivs).

B.
Gegen diesen Entscheid des Verwaltungsgerichts führt X.________
Verwaltungsgerichtsbeschwerde beim Bundesgericht. Er beantragt im
Wesentlichen, Ziff. 1 des angefochtenen Entscheids sei aufzuheben, und die
evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Gossau sei zu verpflichten, ab sofort
die Nachtruhe einzuhalten und auf die Stunden- und Viertelstundenschläge
zwischen 21.45 Uhr und 6.00 Uhr zu verzichten. Ferner seien die Ziff. 4 und 5
des Entscheids des Verwaltungsgerichts aufzuheben.

C.
Die Gemeinde Gossau beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen. Das
Verwaltungsgericht stellt den Antrag, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit
darauf einzutreten sei. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU, vormals BUWAL)
äussert sich zur Beschwerde, ohne einen Antrag zu stellen. X.________ und die
Gemeinde Gossau haben zur Vernehmlassung des BAFU Stellung genommen und an
ihren Anträgen festgehalten.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1 Der angefochtene Entscheid stützt sich auf eidgenössisches
Umweltschutzrecht und ist kantonal letztinstanzlich (Art. 98 lit. g OG). Da
kein Ausschlussgrund im Sinne der Art. 99 ff. OG vorliegt, ist die
Verwaltungsgerichtsbeschwerde zulässig (Art. 97 f. OG i.V.m. Art. 5 VwVG).

Nach Art. 103 lit. a OG ist zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde berechtigt, wer
durch die angefochtene Verfügung berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse
an deren Aufhebung oder Änderung hat. Dabei wird verlangt, dass der
Beschwerdeführer durch den Entscheid stärker als jedermann betroffen ist und
in einer besonderen, beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache steht.
Ein schutzwürdiges Interesse liegt vor, wenn die tatsächliche oder rechtliche
Situation des Beschwerdeführers durch den Ausgang des Verfahrens beeinflusst
werden kann. Der Beschwerdeführer wohnt zirka 200 m vom Kirchturm der
evangelisch-reformierten Kirche in Gossau entfernt, also nicht in
unmittelbarer Nähe der Glocken. Seine Schlafzimmerfenster gewähren indessen
freie Sicht auf die Kirche. Stehen grossflächige Immissionen in Frage, hat
das Bundesgericht erkannt, dass ein sehr weiter Kreis Betroffener zur
Beschwerdeführung legitimiert sein kann, so zum Beispiel die Anwohner eines
Flughafens einschliesslich jener, die in der Verlängerung der
Flugplatzpisten, d.h. im Bereich der An- und Abflugschneisen, wohnen (BGE 120
Ib 379 E. 4b und c S. 386 f. mit Hinweis auf BGE 104 Ib 318; vgl. auch BGE
124 II 293 E. 3a S. 303 f.; 121 II 176 E. 2a und b S. 177 f.). In dicht
besiedelten Gebieten kann somit grundsätzlich sehr vielen Personen die
Beschwerdelegitimation zukommen, ohne dass bereits von einer
Popularbeschwerde gesprochen werden müsste (BGE 110 Ib 99 E. 1c S. 102). Im
Lichte dieser Rechtsprechung ist X.________ zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde
legitimiert. Da auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen erfüllt sind, ist
auf die Beschwerde grundsätzlich einzutreten.

1.2 Nicht einzutreten ist dagegen auf die Verwaltungsgerichtsbeschwerde,
soweit der Beschwerdeführer geltend macht, die Vorinstanz hätte
Lärmschutzmassnahmen anordnen müssen, weil zwar nicht bei ihm, aber bei
verschiedenen Nachbarn, welche näher bei der Kirche wohnten als er, so hohe
Lärmwerte vorlägen (58 bis 66 dB[A]), dass dies auch nach Auffassung des
Verwaltungsgerichts nötig sei. Solches hat der Beschwerdeführer vor
Verwaltungsgericht nicht beantragt und dieses hat im angefochtenen Entscheid
denn auch nicht rechtsverbindlich über diese Frage entschieden. Daran ändert
auch das in Erwägung 7 des angefochtenen Entscheides enthaltene obiter dictum
nichts.

1.3 Das Bundesgericht prüft, ob das Verwaltungsgericht Bundesrecht verletzt
hat (Art. 104 lit. a OG). Dabei ist es an die Feststellungen des Sachverhalts
durch die Vorinstanz gebunden, sofern diese nicht offensichtlich unrichtig
oder unvollständig sind oder unter Verletzung wesentlicher
Verfahrensbestimmungen getroffen worden sind (Art. 105 Abs. 2 OG).

2.
2.1 Das Bundesgericht hatte sich bereits in früheren Entscheiden mit als
störend empfundenem kirchlichem Glockengeläut auseinander zu setzen (BGE 126
II 366; Urteil des Bundesgerichts 1A. 240/2002 vom 13. Mai 2003). Danach ist
unbestritten, dass Glockengeläut, auch soweit es Teil der Religionsausübung
darstellt und unter dem Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit steht
(Art. 15 Abs. 2 BV), zum Schutz der öffentlichen Ruhe gewissen
Einschränkungen unterworfen werden darf (Art. 36 BV; BGE 126 II 366 E. 2a S.
367, mit Hinweis auf BGE 36 I 374 E. 3 S. 378; Ulrich Häfelin, Kommentar BV
1874, Art. 50 Rz. 24 f. und dortige Hinweise; Peter Karlen, Das Grundrecht
der Religionsfreiheit in der Schweiz, Zürich 1988, S. 230, 308 und 318). Auch
steht ausser Frage, dass die Umweltschutzgesetzgebung grundsätzlich auf
Kirchengeläut anwendbar ist.

2.2 Das Glockenspiel der evangelisch-reformierten Kirche in Gossau ist eine
mit einer Baute dauerhaft verbundene ortsfeste Einrichtung. Sie erweist sich
damit als eine Anlage im Sinne von Art. 7 Abs. 7 des Bundesgesetzes vom 7.
Oktober 1983 über den Umweltschutz (USG; SR 814.01) und Art. 2 Abs. 1 der
Lärmschutz-Verordnung vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41). Da die Kirche
samt ihrem Läutwerk bereits vor dem Inkrafttreten des Umweltschutzgesetzes am
1. Januar 1985 bestanden hat und keine Erweiterung der Anlage beabsichtigt
ist, untersteht sie nicht den Vorschriften für Neuanlagen (Art. 25 USG, Art.
7 LSV). Indessen ist die Sanierung der ortsfesten Anlage anzuordnen, wenn sie
den Vorschriften des Umweltschutzgesetzes nicht genügt (Art. 16 Abs. 1 USG).
Zu diesen Vorschriften zählen auch die in Art. 11 Abs. 2 und 3 USG
enthaltenen Bestimmungen. Danach sind Emissionen im Rahmen der Vorsorge
unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung so weit zu begrenzen, als dies
technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Abs. 2).
Wenn feststeht oder zu erwarten ist, dass die Einwirkungen unter
Berücksichtigung der bestehenden Umweltbelastung schädlich oder lästig
werden, sind die Emissionsbegrenzungen zu verschärfen (Abs. 3). Solche
Begrenzungen werden gemäss Art. 12 Abs. 2 USG durch Verordnungen oder, soweit
diese nichts vorsehen, durch unmittelbar auf das Umweltschutzgesetz
abgestützte Verfügungen vorgeschrieben. Daran ändert nichts, ob bekannt ist,
dass die Immissionsgrenzwerte überschritten werden, oder dass Art. 13 LSV die
Sanierungspflicht nur für jene bestehenden ortsfesten Anlagen vorsieht,
welche wesentlich zur Überschreitung der Immissionsgrenzwerte beitragen.
Schutzmassnahmen nach Art. 12 Abs. 2 USG sind nicht erst zu ergreifen, wenn
die Umweltbelastung schädlich oder lästig wird, sondern es müssen gestützt
auf das Vorsorgeprinzip die unnötigen Emissionen vermieden werden (BGE 126 II
366 E. 2b S. 368; 113 Ib 393 E. 3 S. 400; 115 Ib 446 E. 3d S. 453 f.; 119 Ib
179 E. 2e S. 190). Das ist allerdings nicht so zu verstehen, dass jeder im
strengen Sinne unnötige Lärm völlig untersagt werden müsste. Es gibt keinen
Anspruch auf absolute Ruhe; vielmehr sind geringfügige, nicht erhebliche
Störungen hinzunehmen (Art. 15 USG; BGE 126 II 366 E. 2b S. 368; 123 II 325
E. 4d/bb S. 334 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 18. März 1998 in: URP 1998
S. 529 E. 5b/c; Christoph Zäch/Robert Wolf, Kommentar USG, Zürich 2000, N. 23
zu Art. 15).

2.3 Die Lärmimmissionen ortsfester Anlagen sind grundsätzlich anhand der vom
Bundesrat festgelegten Belastungsgrenzwerte (Anhänge 3-8 LSV) zu beurteilen
(Art. 40 Abs. 1 LSV). Für die Lärmbelastung durch Glockenspiele hat der
Bundesrat jedoch keine Grenzwerte festgelegt. Fehlen solche Werte, so müssen
die Lärmimmissionen im Einzelfall nach den Kriterien der Art. 15, 19 und 23
USG bewertet werden (Art. 40 Abs. 3 LSV; BGE 126 II 300 E. 4c/aa S. 307, 366
E. 2c S. 368; 123 II 74 E. 4a und b S. 82 f.; 118 Ib 590 E. 3b S. 596). Im
Rahmen dieser Einzelfallbeurteilung sind der Charakter des Lärms, Zeitpunkt
und Häufigkeit seines Auftretens sowie die Lärmempfindlichkeit bzw.
Lärmvorbelastung zu berücksichtigen (BGE 123 II 74 E. 5a S. 86, 325 E. 4d/bb
S. 335; 118 Ib 590 E. 4a S. 598). Dabei ist nicht auf das subjektive
Lärmempfinden einzelner Personen abzustellen, sondern es ist eine
objektivierte Betrachtung unter Berücksichtigung von Personen mit erhöhter
Empfindlichkeit (Art. 13 Abs. 2 USG) vorzunehmen (BGE 126 II 300 E. 4c/aa S.
307, 366 E. 2c S. 368 f.; 123 II 74 E. 5a S. 86, 325 E. 4d/bb S. 334; Urteil
des Bundesgerichts vom 1. Dezember 1994 in URP 1995 S. 31, E. 4c; Zäch/Wolf,
a.a.O., N. 25 zu Art. 15).

2.4 Die Lärmschutzvorschriften des Umweltschutzgesetzes sind in erster Linie
zugeschnitten auf Geräusche, die als unerwünschte Nebenwirkungen einer
bestimmten Tätigkeit auftreten. Diese können grundsätzlich mit geeigneten
Massnahmen an der Quelle reduziert werden, ohne dass dadurch die
entsprechenden Tätigkeiten als solche in Frage gestellt werden. Daneben gibt
es jedoch auch Geräusche, welche den eigentlichen Zweck einer bestimmten
Aktivität ausmachen. Dazu gehören beispielsweise das Läuten von Kirchen- oder
Kuhglocken, das Musizieren sowie das Halten von Reden mit Lautverstärkern an
Anlässen in der Öffentlichkeit. Solche Lärmemissionen können nicht völlig
vermieden und in der Regel auch nicht in der Lautstärke wesentlich reduziert
werden, ohne dass zugleich der Zweck der sie verursachenden Tätigkeit
vereitelt würde. Derartige Lärmemissionen als unnötig und unzulässig zu
qualifizieren, würde implizieren, die betreffende Tätigkeit generell als
unnötig zu betrachten. Die Rechtsprechung hat im Allgemeinen solche
Emissionen zwar aufgrund des Umweltschutzgesetzes beurteilt, aber zugleich
unter Berücksichtigung des Interesses an der Lärm verursachenden Tätigkeit
diese nicht völlig verboten, sondern bloss einschränkenden Massnahmen
unterworfen (BGE 126 II 366 E. 2d S. 269 mit zahlreichen Hinweisen). Da eine
Reduktion der Schallintensität meist den mit der betreffenden Tätigkeit
verfolgten Zweck vereiteln würde, bestehen die emissionsbeschränkenden
Massnahmen in der Regel nicht in einer Reduktion des Schallpegels, sondern in
einer Einschränkung der Betriebszeiten (BGE 126 II 366 E. 2d S. 369; 119 Ib
463 E. 4-6 S. 466 ff.; 118 Ib 234 E. 2b S. 239 f.; André Schrade/ Theo
Loretan, Kommentar USG, Zürich 1998, N. 29 zu Art. 12). Dabei ist eine
Interessenabwägung vorzunehmen zwischen dem Ruhebedürfnis der Bevölkerung und
dem Interesse an der lärmverursachenden Tätigkeit. Zu beachten sind
insbesondere der Charakter des Lärms, Zeitpunkt, Dauer und Häufigkeit seines
Auftretens sowie die Lärmempfindlichkeit bzw. die Lärmvorbelastung der
betroffenen Zone (BGE 126 II 300 E. 4c/cc S. 307 f., 366 E. 2d S. 369 f; 123
II 325 E. 4d/bb S. 334 f., 123 II 74 E. 5a S. 86; Pra 87/1998 Nr. 170 S.
908). Den örtlichen Behörden ist ein gewisser Beurteilungsspielraum
zuzugestehen, soweit es sich um Anlässe mit lokaler Ausprägung oder Tradition
handelt (BGE 126 II 300 E. 4c/dd S. 309, 366 E. 2d S. 369 f.).
2.5 Im angefochtenen Entscheid wird zutreffend ausgeführt, die
Lärmimmissionen des Glockengeläuts gingen von einer Kirche aus und nicht von
einem Unternehmen, das nach marktwirtschaftlichen Prinzipien gewinnorientiert
betrieben wird. Deshalb könne das in Art. 11 Abs. 2 USG für die Zulässigkeit
von vorsorglichen Massnahmen genannte Kriterium der wirtschaftlichen
Tragbarkeit nicht angewendet werden. Es werde vielmehr durch eine Prüfung der
Verhältnismässigkeit ersetzt (BGE 127 II 306 E. 8 S. 318). Richtig ist sodann
die Erwägung der Vorinstanz, das Schlagen der Kirchenglocken zur
Zeitverkündung falle nicht unter den Schutz der Glaubens- und
Gewissensfreiheit im Sinne von Art. 15 BV.

3.
Der Beschwerdeführer wohnt in einer Distanz von 200 m von der
evangelisch-reformierten Kirche Gossau entfernt. Seine Wohnung verfügt über
eine direkte Sichtverbindung zum Kirchturm. Er fühlt sich durch die
nächtlichen Schläge der Kirchglocken gestört und macht geltend, er werde von
diesen regelmässig aus dem Schlaf geweckt. Der Beschwerdeführer wehrt sich
vor Bundesgericht ausschliesslich gegen die Stunden- und
Viertelstundenschläge zwischen 21.45 Uhr und 6.00 Uhr.

3.1 Der Beschwerdeführer wirft dem Verwaltungsgericht vor, es stütze sich für
die Feststellung, ob die Störung erheblich sei, auf die Lärmwerte, welche in
lärmempfindlichen Räumen des Beschwerdeführers bei gekipptem Fenster am Ohr
der Schlafenden festgestellt worden seien, nämlich 46 bis 54 dB(A). Damit
verletze es die Art. 39 - 41 LSV. Richtigerweise müssten die bei offenem
Fenster gemessenen Werte (61 bis 69 dB[A]) als Vergleichsgrösse herangezogen
werden.

Nach der vorne (E. 2.3 und 2.4) beschriebenen Rechtslage ist bei der nach
Art. 40 Abs. 3 LSV erforderlichen Beurteilung auf die tatsächlichen
Verhältnisse des vorliegenden Einzelfalls abzustellen. Dies hat das
Verwaltungsgericht im vorliegenden Fall namentlich durch den Beizug des
Lärmgutachtens der EMPA vom 2. Februar 2005 getan. Art. 39 LSV liefert für
die Anwendungsfälle von Art. 40 Abs. 3 LSV zwar Anhaltspunkte zur
Sachverhaltsermittlung. Die Vorschrift ist aber auf die Beurteilung von
Lärmimmissionen zugeschnitten, für welche der Bundesrat Grenzwerte
festgesetzt hat. Bei der Beurteilung der Schädlichkeit und Lästigkeit des
Lärms von Kirchenglocken, für welche keine Belastungsgrenzwerte bestehen (s.
vorne E. 2.3), ist daher entgegen der Meinung des Beschwerdeführers nicht im
Sinne eines entscheidenden Kriteriums auf die in Art. 39 Abs. 1 LSV
vorgeschriebenen Messungen in der Mitte der offenen Fenster der
lärmempfindlichen Gebäude abzustellen.

3.2
3.2.1 Die EMPA hat bei der Erarbeitung des erwähnten Lärmgutachtens bei der
Wohnung des Beschwerdeführers mittels einer automatischen Messstation über
den Zeitraum von etwas mehr als einer Woche im Januar 2005 für die Stunden-
und Viertelstundenschläge der Kirche Gossau im Mittel Maximalpegel von rund
61 bis 69 dB(A) und Mittelungspegel von rund 54 bis 61 dB(A) ermittelt. In
Ziff. 6 b des EMPA-Gutachtens werden diese Messergebnisse insbesondere
bezüglich Aufwachreaktionen als Folge des Stundenschlags wie folgt
interpretiert:
"Zur Belästigungsreaktion in der Bevölkerung von Glockengeläut kann keine
Aussage gemacht werden, weil dazu die notwendigen wissenschaftlichen
Grundlagen fehlen. Hingegen ist ein Hinweis auf die Störung der Kommunikation
möglich. Es zeigt sich, dass während des Geläuts die Kommunikation beim
Beschwerdeführer aus rein akustischen Gründen im Freien (auf dem Balkon) und
im Innern bei geöffneten Fenstern durch die Immissionen des Geläuts erheblich
gestört wird. Auch bei geschlossenen Fenstern ist in der Wohnung mit einer -
wenn auch geringeren - Störung der Kommunikation zu rechnen.

Für die Beurteilung der Nacht kann ein Vergleich zum Fluglärm zugezogen
werden, da das Glockengeläut auch intermittierend auftritt. Die Maximalpegel
verursacht durch Stunden- und Viertelstundenschläge am Ohr der schlafenden
Person bei einem spaltweise geöffneten Fenster betragen 46 - 54 dB(A). Sie
liegen damit unter dem Pegel, wie er vom Buwal im Fall "Frühgeläut Bubikon"
mit 60 dB in Anlehnung an die Regelung der Lärmschutzverordnung für Fluglärm
angegeben wird. Mit Aufweckreaktionen ist trotzdem zu rechnen, jedoch ist
deren Wahrscheinlichkeit gering."
3.2.2 Im angefochtenen Entscheid wird ferner ausgeführt, das Gutachten weise
auf einen von Griefahn gefundenen Zusammenhang von Maximalpegeln, Anzahl
Ereignissen und Aufwachreaktion hin, wonach beispielsweise bei zwei
Ereignissen mit 60 dB(A) eine Aufwachwahrscheinlichkeit von 10% bestehe. In
der Lärmschutzverordnung habe als Grundlage für die Festsetzung der
Nachtgrenzwerte eine kritische Schwelle des Maximalpegels von 60 dB(A) am Ohr
der schlafenden Person gedient, wobei durch die Wahl eines
1h-Mittelungspegels die Anzahl der Ereignisse ebenfalls in die Beurteilung
einbezogen worden sei. Sodann stütze sich das Gutachten auf BGE 126 II 366 E.
3a S. 370 betreffend das Frühgeläut der Kirche in Bubikon. Dort werde eine
Stellungnahme des BAFU wiedergegeben, wonach gemäss Untersuchungen der SUVA
in 50 Metern Entfernung von einem mittelhohen Kirchturm bei mittelgrossen
Kirchglocken am Ohr des Betroffenen im Innern eines Gebäudes bei gekipptem
Fenster ein Schallpegel von mehr als 60 dB(A) entstehe. Bei einem solchen
Schalldruckpegel sei nachts mit Aufwachreaktionen zu rechnen, so dass von
einer erheblichen Störung im Sinn von Art. 15 USG gesprochen werden müsse.
Unter Bezugnahme auf diese Beurteilungen der Schallwirkung komme der
Gutachter bezüglich des nächtlichen Stundenschlags zum Schluss, dass der
Maximalpegel von 46 bis 54 dB(A) am Ohr der schlafenden Person bei einem
spaltweise geöffneten Fenster zwar noch unter dem Pegel von 60 dB(A) liege,
bei welchem gemäss BAFU mit Aufwachreaktionen zu rechnen sei. Gleichwohl sei
mit solchen Reaktionen zu rechnen, doch sei ihre Wahrscheinlichkeit gering.

3.2.3 Das Verwaltungsgericht hält im angefochtenen Entscheid fest, dass die
Liegenschaft des Beschwerdeführers gemäss Bau- und Zonenordnung der Gemeinde
Gossau vom 29. Juni 1998 (BZO) in der Wohnzone mit Gewerbeerleichterung WG3
liege und der Empfindlichkeitsstufe (ES) III zugewiesen sei. Während der
ersten und zweiten (22.00-23.00 Uhr bzw. 23.00-24.00 Uhr) und während der
letzten Nachtstunde (05.00-06.00 Uhr) gelte für den Lärm des Gesamtverkehrs
von Kleinluftfahrzeugen und Grossflugzeugen in der ES III ein
Immissionsgrenzwert von 55 dB(A). Dieser Wert liege in der zweiten und
letzten Nachtstunde um 5 dB(A) über demjenigen der Stufe II (Anhang 5 Ziff.
222 LSV). Auch wenn diese Grenzwerte nicht für den nächtlichen Stundenschlag
übernommen werden könnten, lasse sich ihnen doch der Hinweis entnehmen, dass
bezüglich des nächtlichen Lärms und der damit verbundenen Auswirkungen,
insbesondere der Wahrscheinlichkeit des Aufwachens, in der ES III stärkere
Beeinträchtigungen hingenommen werden müssten als in einer ES II. In einer
der ES III zugewiesenen Zone erscheine deshalb die nur geringe
Wahrscheinlichkeit, wegen des nächtlichen Stundenschlags aufzuwachen, von
welcher das Gutachten auf Grund der ermittelten Maximalpegel ausgehe, nicht
zwingend als erhebliche Störung im Sinne von Art 15 USG. Hinsichtlich des
nächtlichen Stundenschlags erweise sich die Beschwerde daher als unbegründet.

3.2.4 Mit diesen Ausführungen hat das Verwaltungsgericht entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers kein Bundesrecht verletzt. Vielmehr hat es
sich an die in Art. 40 Abs. 3 LSV vorgeschriebenen Grundsätze gehalten. Dass
es dabei gleich wie der Gutachter unter anderem auf die Lärmsituation am Ohr
der schlafenden Person bei einem spaltweise geöffneten Fenster abgestellt
hat, ist sachlich korrekt und nicht zu beanstanden. Der Einwand des
Beschwerdeführers, dies sei in heissen Nächten unzumutbar, vermag keine
Verletzung von Art. 15 Abs. 1 USG zu begründen. Es geht hier um eine
Gesamtbetrachtung, die abweichende Situationen mit stärkeren und schwächeren
Lärmimmissionen einschliesst. Wenn die Vorinstanz die in den Anhängen zur LSV
enthaltenen Grenzwerte der ES II und III erwähnt, so zieht sie diese nicht im
Sinne eines direkten Vergleichs mit dem hier zu beurteilenden Fall bei, für
welchen keine Grenzwerte bestehen. Vielmehr benutzt sie die in der LSV mit
Grenzwerten geregelten Situationen als Wertungshilfen für die hier zu
beurteilenden Lärmimmissionen. Die Rüge, die Belastungsgrenzwerte für
Fluglärm seien in unkorrekter Analogie angewendet worden, geht somit fehl.

3.2.5 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, bei der Beurteilung des
Glockenschlags sei eine Interessenabwägung vorzunehmen zwischen jenem
Bevölkerungsanteil, der sich durch die Schläge gestört fühle oder sich
neutral verhalte, und jenem Bevölkerungsteil, der die Glockentöne hören
wolle. "Bevölkerung" im Sinne von Art. 15 USG umfasse nur jenen Teil, der
durch die Immissionen gestört werde oder diesen neutral gegenüber stehe.
Diese Auffassung ist unzutreffend. Sie steht denn auch im Gegensatz zur
bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Diese geht von einer Abwägung zwischen
den Interessen der Bevölkerung als Ganzes an Ruhe und den Interessen an der
lärmverursachenden Tätigkeit aus (BGE 126 II 366 E. 2d S. 369).

3.3 Das BAFU schreibt in seiner Vernehmlassung, eine Sanierungspflicht könne
sich auch aus Art. 16 in Verbindung mit Art. 11 Abs. 2 USG ergeben.
Unabhängig von einer erheblichen Störung gemäss Art. 15 USG seien danach im
Sinne der Vorsorge Emissionen so weit zu begrenzen, als dies technisch und
betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar sei. Das Kriterium der
wirtschaftlichen Tragbarkeit sei hier, da es um eine Kirche gehe, durch eine
Prüfung der Verhältnismässigkeit zu ersetzen. In diesem Sinne könnte hier
beispielsweise ins Auge gefasst werden, auf die viertelstündlichen
Glockenschläge zu verzichten, so dass die Schläge nur noch jede Stunde
ertönen würden. Nach einer Broschüre des Kirchenrates der
evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich mit dem Titel "Vertraute
Klänge-störende Klänge" gelte der nächtliche Glockenschlag nicht als
"kirchliche Notwendigkeit". Während der Nachtstunden (22.00 Uhr bis 6.00 Uhr)
werde sogar der völlige Verzicht darauf in Erwägung gezogen. Auch das
Verwaltungsgericht führt in E. 7 des angefochtenen Entscheides aus, bei
geringerer Entfernung zwischen Quelle und lärmempfindlichen Räumen wäre mit
um 12 dB(A) höheren Werten zu rechnen, was den Rahmen des Vertretbaren
sprengen dürfte.
Im Lichte der vorliegenden Ausführungen hat das Verwaltungsgericht sein
Ermessen jedoch nicht überschritten, indem es in Bezug auf die Situation beim
Beschwerdeführer von einem Verbot oder einer Einschränkung des nächtlichen
Stundenschlags abgesehen hat. Wenn die örtlichen Behörden und mit ihnen die
kantonalen Rechtsmittelinstanzen davon ausgehen, dass in der Gemeinde Gossau
dieser Stundenschlag der Kirche der evangelisch-reformierten Kirche
grundsätzlich allgemein akzeptiert wird und dass an der Aufrechterhaltung
dieser Tradition ein öffentliches Interesse bestehe, so hat das Bundesgericht
keinen Anlass, von dieser Beurteilung der mit den örtlichen Verhältnissen
besser vertrauten Behörden abzuweichen (BGE 126 II 366 E. 5b S. 374 mit
Hinweisen). Es widerspricht dem Verhältnismässigkeitsprinzip nicht, wenn die
kantonalen Instanzen das öffentliche Interesse am Beibehalten einer alt
hergebrachten Tradition höher werten als das Ruhebedürfnis des
Beschwerdeführers. Der Umstand, dass sich der Beschwerdeführer und allenfalls
einige wenige Nachbarn den Behörden gegenüber beklagen, durch das
Glockengeläut belästigt zu werden, vermag lärmbegrenzende Massnahmen noch
nicht zu rechtfertigen (vgl. BGE 127 II 306 E. 8 S. 318 f.).

Belässt das Bundesumweltschutzrecht den Gemeinden die Entscheidungsfreiheit,
die Ruhezeiten verschieden zu regeln, und tragen die kantonalen
Rechtsmittelinstanzen bei der Beurteilung von Stunden- und
Viertelstundenschlägen der Kirchglocken diesen unterschiedlichen kommunalen
Regelungen Rechnung, so verletzen sie damit auch die Rechtsgleichheit (Art. 8
BV) nicht (BGE 126 II 300 E. 4d/ee S. 311, 366 E. 5c S. 319; 125 I 173 E. 6d
S. 179).

4.
Daraus ergibt sich, dass der angefochtene Entscheid nicht gegen Bundesrecht
verstösst und die Beschwerde somit abzuweisen ist, soweit darauf eingetreten
werden kann.

Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer die Kosten des
bundesgerichtlichen Verfahrens zu tragen (Art. 156 Abs. 1 OG). Obsiegenden
Behörden wird im Verfahren der Verwaltungsgerichtsbeschwerde in der Regel
keine Parteientschädigung zugesprochen (Art. 159 Abs. 2 OG). Es gibt keinen
Grund, im vorliegenden Fall von dieser Regel abzuweichen.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten
wird.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 3'000.-- wird dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Gemeinderat Gossau, der
Baurekurskommission III und dem Verwaltungsgericht des Kantons Zürich, 1.
Abteilung, 1. Kammer, sowie dem Bundesamt für Umwelt schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 20. Februar 2006

Im Namen der I. öffentlichrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: